© roberto de luca
 

 


Performance "LINEADICONFINE" 2020







Fotoperformance "Io e il cavolo" (Weil die Künstler immer noch Hunger haben) Foto dalla cartella "Fleur du Male" di Fiorenza Bassetti - 2012







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Schatten und Lichter des Gelebten - 2014
Von Viana Conti
Der Denkvorgang mit klarer minimaler Ausführung, den der Künstler Roberto De Luca fotographisch im Rahmen des Projekts Cinderella umgesetzt hat, zeichnet sich durch eine emotive Intelligenz aus, durch einen empathischen Wechsel in einem nicht mehr benutzten Raum, in dem die Abwesenheiten beredend sind, in dem die Stimmen der Stille widerhallen, in dem die Spuren des Verlassens sichtbar werden. Eine Wohn- und Einkaufsiedlung, dieser Mühlehof von Niedergösgen, vorübergehend aus einer Lebensgeschichte herausgerissen, aus einer Sequenz unaussprechlicher Ereignisse, die zu einem Habitat der Erinnerung geworden ist, zu einer Oberfläche, die das Gelebte absorbiert und die der Künstler mit Hilfe des Objektivs in ein Kunstwerk verwandelt.
Die Profile der Rahmen sind ein nicht mehr wahrnehmbarer Übergang zwischen Licht und Schatten geworden, die Bilder, sowohl von einfacher als auch von erlesener Anfertigung, schmücken das Ambiente mit ihrem Farben- und Formenspiel, sind in der Erinnerung eingeschlossen und hinterlassen auf der Wand ihre Umrisse, wie auch die Nagelköpfe, an denen sie aufgehängt waren. Die Farbschatten der Uhren, die mitleidslos die Stunden, Minuten und Sekunden anzeigten, sind zu leeren Umlaufbahnen geworden, herausgerissen aus dem Rhythmus und dem zeitlichen Takt oder Ablauf der Zeit. Vor dem Auge des Beobachters entfaltet sich eine vertikale Landschaft aus Wänden, Ecken und Oberflächen der unterschiedlichsten Nutzung, auf denen das Leben seine Geschichte geschrieben hat, auf denen die Zeit den Staub der Ereignisse abgelegt hat. Die Tapeten, die Spuren der gewaltsamen oder sanften Ablösung der Dinge aufweisen, zeigen Risse, Löcher, Flecken, Narben und Spuren täglicher Abnutzung und werden durch die Fotografie des Künstlers, Werke auf Papier der gleichen Größe, zu visuellen Abdrücken der vor Ort gelebten Erfahrungen. Diese Fotografien wie auch die handgemachte Arbeitsmappe aus Papier verweisen unausweichlich auf die von ihnen reproduzierten Tapeten und unterhalten dabei untereinander eine Beziehung von metonymischer Nähe, die die metaphorische Bedeutung ausschließt.
Ein weggeräumtes Objekt hinterlässt schon an sich eine Farbschattierung, da jenseits seines Umrisses im Laufe der Zeit die Wände immer dunkler werden und ein Grauschleier dramatisch die Veränderung dokumentiert. Rechtecke aus schwachen, umschatteten Lichtern zeichnen ein Szenarium des Verschwindens, das semantische Feld eines Ortes, an dem die Existenz der Subjekte und Objekte aufgelöst wurde. Die Einrichtungsgegenstände zu entfernen, d.h. die Bilder von den Wänden abzunehmen, ist gleichbedeutend mit dem Entschleiern einer anderen Vitalität des Ortes, leise und verborgen, aber trotzdem Teilhaberin an einer Vergangenheit, einer Gegenwart und einer Zukunft. In diesen Räumen sind die Schalldämpfer, verstreute zweidimensionale runde, quadratische und rechteckige  Abdrücke, der Widerhall der Erinnerungen an die Überreste eines einstigen Alltags, des Übergangs der Mauern zwischen Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter, Seniorenalter und Tod entsprechend dem unveränderlichen Schicksal der Menschheit und der Dinge, wie der Atem des Endlichen und des Unendlichen.
Diese sensible Wiederbelebung des Lichts und der Schatten des Gelebten thematisiert nicht die Illusion des Lebens, sondern repräsentiert die Erinnerung in ihrer Konkretheit, evoziert nicht den Geist, sondern holt die Spuren wieder hervor und erschafft so eine sakrale Ikone ihres Übergangs.Trotz allem ist es unleugbar, dass der familiäre Raum von Roberto De Luca daraus einen Unruheherd im Freudschen Sinne macht, in dem der Sinn der Enteignung umso spürbarer ist als das die Alltagsgegenstände, im täglichen Leben so nützlich, verschwunden sind und in dem Raum kaum wahrnehmbare Spuren hinterlassen haben, ein blasses Theater des Verschwindens. Roberto De Luca ist kein Künstler, der einen Raum in formaler Anordnung umsetzt, sondern ein Künstler, der unaufhörlich einen ethischen, politischen, kommunikativen und choralen Raum sucht, in dem er seine ästhetischen Überlegungen umsetzen kann. Signifikativ in diesem Sinne ist auch die Tatsache, dass er auf einem Territorium der physischen und sinnlichen Deprivation als andere Form des Ausdrucks arbeitet, als Eingang in den Bereich des Unbekannten, da nicht direkt erprobt, wie schon in dem Projekt für Blinde mit dem Titel Cercando la luce/das Licht suchend.
Indem er an einer Poetik des Seins, der Zeit und der Leere arbeitet, weist er dem Gelebten den Tempel der Erinnerung zu, eine eher figurale als imaginäre Erinnerung, eher immateriell als physisch, eher mental und aber auch gleichzeitig sensorisch, da sie phänomenologisch mit dem Blick sichtbar ist und auf emotionaler Ebene verständlich. Es ist das täglich Gelebte mit all seiner Banalität, seinen Abnutzungen, die im Raum leben, die die figuralen jedoch immateriellen Spuren ihrer Existenz hinterlassen. Es handelt sich nicht um einen Übergang vom Konkreten zum Abstrakten, sondern von der Anwesenheit zur Abwesenheit, vom Dreidimensionalen zum Zweidimensionalen, von der Fülle zur Leere, vom Temporären zur Auflösung in der Fotographie, die, wenn man wieder die Spur aufgenommen hat, aufbewahrt wird und in andere Räume, Kontexte und Zeiten versetzt werden kann und Szenarien gelebten Lebens woanders aufleben lässt. Indem er sich einen verlassenen Raum als Ort des Überlebens aneignet, hat der Autor seinem Werk einen neuen linguistischen Status verliehen, eine neue Form des Lebens, einen Wert als Zeitzeuge. Darüber hinaus führt er auch die Kondition der Reise in das sesshafte Wohnen ein, nimmt eine Odyssee der Spuren vorweg, der Mietwohnung in der Mietwohnung, der Galerie in der Galerie, des Museums im Museum, überträgt so eine Art des Gelebten in eine Ästhetik des Nomadismus. Roberto De Luca setzt weniger einen religiösen Weg als eher einen Weg der Religiosität, der Spiritualität  und des Sakralen der Kunst in die Tat um.




  • Dittico-non di casa B.tif
  • Dittico-non di casa A.tif


 

Ars munda - performance in Kunstmuseum Thun - 2002


Salvagente - Galerie Krethlow - Bern 2001